Nutzloser E-Bus-Aktionismus

Auf einmal werden die Städte hektisch. Die deutsche Umwelthilfe setzt mit Klagen die Einhaltung der Luftgrenzwerte durch. In Städten wie Bochum, die bisher in Richtung umweltfreundlichem Verkehr kaum etwas unternommen haben, drohen Fahrverbote.

Bochum ist in Sachen umweltfreundlicher Stadtverkehr Schlusslicht

Zuletzt wurde im Forschungsprojekt „Mobilität in Städten – SrV 2013“ der TU-Dresden erfasst, wie umweltfreundlich der Verkehr in den Städten abgewickelt wird. Neben Bochum wurde das Mobilitätsverhalten in sechs weiteren Großstädten über 300.000 Einwohnern erfasst. Während in den anderen Großstädten für 29,6 bis 40,5 % der Wege das Auto genutzt wird, sind es in Bochum fast 56% der Wege, für die die Menschen das Auto nehmen. In keiner der anderen Städte werden weniger Wege zu Fuß, mit dem Rad oder mit Bus und Bahn zurückgelegt (Tabelle, zurückgelegte Wege in der Stadt).

Elektrobus mit Ladestation (Foto: Spoorjan)

Entsprechend verstopft sind in Bochum die Straßen, liegen die Schadstoffwerte bei der Luftverschmutzung hoch und wird ein sehr hoher Anteil des Stadtgebietes übermäßig mit Verkehrslärm belastet.

Es fehlt an gut ausgebautem Nahverkehrs- und Radwegenetz

Das über Jahrzehnte versäumte lässt sich jedoch nicht über Nacht aufhalten. Fehlt es an einem gut ausgebauten Nahverkehrsnetz, einem funktionierenden Radwegenetz und lässt man die Autos unbehelligt die Gehwege zuparken, dann nehmen die Menschen, anders als in den meisten deutschen Großstädten lieber das Auto als andere Verkehrsmittel.

Wie so oft war das Unheil absehbar. Während in anderen Großstädten große Anstrengungen unternommen wurden, die Menschen zum Umstieg auf umweltfreundliche Verkehrsmittel zu bewegen, tat sich in Bochum über Jahrzehnte in dieser Hinsicht kaum etwas. Anstatt das Nahverkehrsnetz auszubauen, schrumpfte es in Bochum (LK vom 02.12.17). Das städtische Nahverkehrsunternehmen Bogestra verwaltet die bestehenden Strecken, an einem substanziellen Ausbau des Netzes zeigt man sich desinteressiert. Entsprechende Pläne werden nicht ernsthaft verfolgt.

Elektrobusse sind teuer haben aber keinen spürbaren Umwelteffekt

Um in einer Klage gegen die Deutsche Umwelthilfe bestehen zu können, braucht Bochum jetzt aber schnell was Vorzeigbares, dass die Stadt sich doch in Sachen umweltfreundlichen Stadtverkehr bemüht und Fahrverbote abgewendet werden können. Also hat die Bogestra auf Betreiben der Oberbürgermeister von Bochum und Gelsenkirchen im Hauruck-Verfahren noch für 2018 die Anschaffung von 10 Elektrobussen beschlossen (Pressemitteilung Bogestra vom 20.12.17).

Im Ergebnis würden dann 4 % der 250 Bogestra-Busse mit elektrischem Antrieb fahren. An der Luftschadstoff-Messtelle in Gelsenkirchen würde 3x in der Stunde statt einem Diesel- ein Elektrobuss vorbei fahren. Spürbar bewirken wird das ganze also nichts.

Bei der Maßnahme handelt sich um reinen Aktionismus, der dazu für die Fahrgäste der Bogestra teuer wird. Mit Millionenaufwand müssen neue Ladestellen an den Strecken gebaut werden. Die 10 Busse sind mehr als doppelt so teuer wie Dieselbusse (750.000 statt 300.000 Euro) und mindestens ein Betriebshof muss zur Wartung der Batteriebusse mit hohem Kostenaufwand umgerüstet werden. Diese enormen Kosten werden vollständig durch Fahrpreiserhöhungen aufgefangen werden müssen. Denn zusätzliche Fahrgäste werden die E-Busse nicht bringen, steigende Betriebskosten dagegen schon.

E-Bus-Technik ist nicht ausgereift und wenig verlässlich

Dazu befindet sich die Elektrobus-Technik immer noch im Erprobungsstadium. Die zuverlässige Reichweite mit einer Batterieladung liegt bei 100 – 200 km, im Winter noch deutlich darunter. Die Beheizung der Busse geschieht nicht elektrisch, dafür reichen die Batterieladungen nicht, sondern über Heizungen mit Dieselverbrennung, deren Verbrennungsaggregate nicht der Euro 6-Norm unterliegen.

Durch die bei längeren Einsatzzeiten erforderlichen Zwischenladungen ist die Verfügbarkeit der Busse deutlich geringer als bei herkömmlichen Bussen. Entsprechend werden für den Betreib der Linien mehr E-Busse als Dieselbusse benötigt. Auch die Verlässlichkeit der Busse lässt zu wünschen übrig (Spiegel vom 12.03.17). Bisher bieten die großen Bushersteller MAN und Daimler noch keine Elektrobusse an.

Bei der Anschaffung der Elektrobusse legt sich die Bogestra auf ein Ladessystem fest. Die Ladung der Batterien ist unter anderem induktiv möglich, über eine Schiene in der Straße oder von oben über einen Ladearm. Beschafft die Bogestra ein Ladesystem, das sich in den nächsten Jahren nicht durchsetzt, muss die gesamte Investition in das jetzige System schon nach wenigen Jahren abgeschrieben werden.

Zudem sollte, anders als sonst im Ruhrgebiet bisher üblich, im VRR-Gebiet ein einheitliches Ladesystem angeschafft werden. Sonst können die Verkehrsbetriebe des VRR E-Busse nicht gemeinsam einkaufen, auch könnten Linien nicht über die Stadtgrenzen fahren.

Bogestra-Techniker halten E-Bus-Einsatz aktuell nicht für sinnvoll

Auf die Anfrage der Fraktion „FDP und Die STADTGESTALTER“
zur Einführung von Elektrobussen antworteten Bogestra und Verwaltung noch am 15.02.17 wie folgt: „Unter Berücksichtigung der o.g. Punkte könnte – eine Förderung unterstellt – ein Probebetrieb auf ausgewählten Linien in etwa 4 bis 5 Jahren möglich sein.“ (Mitteilung 20170416)

Auch in ihrer Mitarbeiterzeitung für das zweite Halbjahr 2017 kommt die Bogestra zu dem Schluss „E-Busse sind momentan also noch keine Alternative zu unseren Bussen.“ Der Großteil der Bogestra-Busse würde täglich eine Strecke von 200 bis 350 km zurücklegen, die E-Busse hätten pro Aufladung jedoch nur eine Reichweite von knapp 100 km (Der Rückspiegel 2/2017, S.42).

Die Techniker der Bogestra sind von dem Einsatz von Elektrobussen also ebenfalls nicht überzeugt. Die Anschaffung der Elektrobusse ist eine rein politische Entscheidung, mit der die Oberbürgermeister von Bochum und Gelsenkirchen (beide SPD) besonderen Aktionismus im Bereich umweltfreundlichem Verkehr vortäuschen wollen. Da ist es günstig, dass auch der Chef der Bogestra über das rote Parteibuch verfügt und daher kein Problem hat politischem Aktionismus gegenüber technischer wie ökonomischer Vernunft Vorrang einzuräumen.

Nahverkehrsnetz muss ausgebaut werden, damit mehr Menschen Bus und Bahn nutzen

Vergleich des Platzbedarfs der unterschiedlichen Verkehrsmittel (Foto: Cycling Promotion Fund)

Es wird Zeit, dass Bochum eine Verkehrspolitik verfolgt, die geeignet ist die Menschen zu bewegen auf umweltfreundliche Verkehrsmittel umzusteigen. Dazu gehört ein deutlicher Ausbau des Nahverkehrsnetzes. Erst dann ist es möglich den Anteil der Wege, die mit Bus und Bahn zurückgelegt werden auch in Bochum auf deutlich über 20% zu steigern (derzeit 15,7%), wie das in deutschen Großstädten sonst üblich ist. Das bedeutet für Bochum eine Steigerung um fast 5%. Entsprechend würde der Anteil der Wege, die mit dem Auto zurückgelegt werden, um 5% sinken. Entsprechend abnehmen würden die Emissionen von Luftschadstoffen und der Verkehrslärm. Darüber hinaus gäbe es wieder mehr Platz auf den Straßen (Vergleich Platzverbrauch, Bus – Autos).

Anschaffung von E-Bussen erst, wenn Probleme gelöst sind

Die Einführung von Elektrobussen ist erst dann sinnvoll, wenn die Systeme ausgereift, eingeführt und bezahlbar sind. Die Fraktion „FDP & Die STADTGESTALTER“ hat daher für die nächste Ratssitzung einen Antrag gestellt, der Grundanforderungen festlegt, die an E-Busse hinsichtlich Reichweite, Verlässlichkeit, VRR-weiten Systemstandards Preis und Umwelfreundlichkeit zu stellen sind, ehe die Bogestra solche Busse beschafft.

Es wäre fatal, wenn die Bogestra wie zuletzt bei den Straßenbahnen unausgereifte Fahrzeuge beschafft, die sie dann nach wenigen Jahren aus dem Verkehr ziehen muss. Im Fall der Straßenbahnen müssen derzeit wegen einer solchen Fehlentscheidung für rd. 120 Mio. vorzeitig neue Bahnen beschafft werden (WAZ vom 12.03.15).

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